Das Motiv bestimmt das Foto, nicht das Lehrbuch

Was ist ein gutes Foto? Nun ein gutes Foto ist knack scharf, rauscht nicht und gibt die Farben aufgrund eines perfekten Weißabgleichs korrekt wieder.
So in etwa sieht zumindest die Antwort der Kamerahersteller auf die Frage aus, was ein gutes Foto ausmacht. Ist aber auch irgendwo nahe liegend. Schließlich können sie ihren Weißabgleich verbessern, die Megapixel erhöhen, am Autofokus arbeiten oder das Rauschen der Kamera bei hohen ISO-Werten verbessern und dann damit auch werben. Das wirklich wesentliche an einem guten Foto, nämlich ein gutes Motiv kreativ umgesetzt können sie hingegen nicht verkaufen.
Deshalb vermitteln die Hersteller ja auch immer wieder so gerne den Eindruck, das die verbesserte Technik der neuen Kamera es uns ermöglicht zu besseren Fotos zu kommen. Dies stimmt aber nur zum Teil. Das technische Ausgangsmaterial wird verbessert und man wird ein wenig flexibler. Das war es dann aber auch schon.
Nach wie vor gilt der alte Satz: Der Fotograf macht das Foto, nicht die Kamera. Und das heißt eben auch, der Fotograf macht ein gutes oder ein schlechtes Foto. Keine Technik dieser Welt kann den kreativen Menschen ersetzen der durch den Sucher schaut und bewusste gestalterische Entscheidungen trifft.

Das ist ja auch einer der Gründe, weshalb es einen Markt für schier unzählige Fotobücher und Fotografiekurse gibt.
Hier bekommt man dann schon eher vermittelt, wie man ein Bild gestaltet und zu einem guten Foto kommt. Erfährt man Dinge wie Drittel Regel oder Goldener Schnitt.
Aber auch hier begegnet einem oft das Kredo der perfekten Schärfe und des geringen Rauschens. Auch wenn einem hier dann durchaus schon einmal schneller die Ausnahme der Regel begegnet, nämlich das ein Schwarz Weiß Foto durchaus einmal ein klein wenig rauschen darf.

Allerdings musste ich feststellen, das man (gerade bei Büchern für Einsteiger) lange danach suchen muss, bis mal jemand die eigentliche Wahrheit ausspricht, nämlich das das Motiv und die beabsichtigte Bildaussage das Bild bestimmen.

Weshalb schreibe ich das hier alles. Nun gestern habe ich dieses Foto hier veröffentlicht:

IMG_4055

Und wenn man nach den “Regeln für ein gutes Foto” gehen würde, dann wäre hier etliches falsch. Die Schärfe sitzt nicht richtig und das Bild rauscht ohne Ende. Und dennoch ist es genau so richtig wie es ist. Aber warum?

Nun zunächst einmal zum Vergleich das Original JPG der Kamera völlig unbearbeitet:

IMG_4055

wie man sieht sitzt die Schärfe hier nicht richtig. So gesehen wäre es nach den gängigen Regeln Ausschuss. Ein Fall für die Tonne.
Und dennoch habe ich das Foto bewusst fertig gemacht und veröffentlicht. Und zwar ganz einfach weil das Foto einen tollen Moment des Konzertes eingefangen hat, der die raue, harte ursprüngliche Metallmusik genauso rüber bringt wie die Dynamik des Live-Konzertes. Eine perfekt sitzende Schärfe würde das Foto nicht wirklich verbessern. Sie würde es eher ein wenig statischer machen.

Wie man im Vergleich der beiden Fotos aber auch sieht, habe ich bei der Bearbeitung nicht nur in Schwarz Weiß umgewandelt, sondern das Rauschen, welches bei ISO 400 entstanden ist und eigentlich somit noch recht gering war deutlich erhöht. Denn erstens darf ein Schwarz Weiß Foto in der Tat ein wenig rauschen und zweitens unterstützt das Rauschen in dem Fall das Motiv und die Bildwirkung. Es bringt den rauen ursprünglichen Moment zur Geltung und verleiht dem Foto eine leichte analoge Anmutung.

Ich habe mich insofern also sehr bewusst dafür entschieden, das Rauschen zu erhöhen um das Motiv zu unterstreichen.
und genau das ist es halt auch, was für mich ein gutes Foto ausmacht. Der kreative Prozess. Nicht das drücken des Auslösers mit perfekten Einstellungen. Ein gutes Foto heißt für mich, ein gutes Motiv mit stimmigen, passendem Bildaufbau kombiniert mit den bewussten kreativen Entscheidungen die der Fotograf getroffen hat. Eben all diese kleinen wichtigen Dinge, die die Kamera selbst nicht zu leisten vermag.

Um es aber auch deutlich zu sagen: Es geht mir hier nicht darum zu behaupten, das es in der Fotografie keine Regeln gäbe, die man beachten sollte. Im Gegenteil: Man sollte die Regeln der Fotografie kennen und auch beherrschen. Aber wenn man das tut, dann sollte man auch den Mut dazu haben, diese Regeln bewusst zu brechen, wenn es dem Motiv und dem Foto sowie der Bildaussage dient dies zu tun.

Es gibt eben einen himmelweiten Unterschied zwischen einem guten Foto, wo der Fotograf bewusst ein oder zwei Regeln gebrochen hat und einem Knippsbild eines Amateurs, der sich noch nie mit Bildaufbau und ähnlichen Dingen beschäftigt hat. Und diesen Unterschied sieht man auch.
Insofern ja, man muss die Regeln kennen und beherrschen. Im nächsten Schritt muss man sich dann aber auch wieder ein Stück weit davon frei machen und sein Motiv das Bild bestimmen lassen, indem man bewusst die kreativen Entscheidungen trifft die dazu passen.

Wenn man diesen Schritt nicht geht, bleibt man in seiner fotografischen Entwicklung stehen und gehört am Ende zu diesen nervigen Zeitgenossen, die in Fotogruppen und -foren an jedem Foto herum mäkeln, das nicht zu 130% einer ihrer “heiligen Regeln der Fotografie” entspricht. Und das will doch letztlich niemand. Wir wollen doch alle nur gute kreative Fotos machen. 😉

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